Sophistereien 18.04.20

Es lohnt sich, besonders in Corona verseuchten Zeiten mal wieder Schopenhauer (1788 – 1860) zu lesen.  Sein Hauptwerk, „Die Welt als Wille und Vorstellung“, veröffentlichte dieser bereits 1819 mit knapp 31 Jahren.  Darin entfaltet der Buddha aus Frankfurt die Idee einer Welt als Vorstellung einerseits „für mich“ und einer Welt andererseits als Wille „an sich“. Da die Welt nur eine Vorstellung vermittelt durch die Sinne ist, können wir nichts über das wahre Wesen der Dinge wissen. Anders verhält es sich mit dem Willen:  Diesen Willen erfahren wir unmittelbar an uns selbst, vermittelt durch unseren Körper. Immer, wenn wir etwas wollen, und wir wollen ständig etwas, waltet dieser Wille in uns, objektiviert sich in uns, und nicht nur in uns. Der Wille ist die treibende Kraft des Seins, das Prinzip der Welt, ohne Sinn, ohne Ziel, er ist das einzig Reale. Alle Dinge, die als Vielheit wahrgenommen werden, sind bloße Erscheinungsformen dieses einen Willens, sind somit nichts als bloße Illusion.  Schopenhauer geht noch weiter  und  macht auch vor unserem Selbstverständnis als Person nicht halt: Das autonome Subjekt, Vernunft, freier Wille, dazu Gefühle wie Liebe, Glück, Hoffnung, sind lediglich Schimären im Dienst des einzigen, blind wütenden Willens. In der Welt sein heißt, leiden, ausgesetzt sein (selbst dem Virus) dem ewigen Kreislauf aus Werden und Vergehen, und niemand kennt die Antwort auf die Frage: Wozu das alles? Schopenhauer, der sich viele Jahre mit indischer Philosophie beschäftigt hat, greift hier in seinem Konzept wesentliche Elemente im Denken der alten Inder auf, für die die äußere Welt Maya (Illusion) ist, und die es zu überwinden gilt, vorrangig durch Askese. Das Ziel muss sein, die Macht des Willens zu beschränken. Der Mensch muss reines, willenloses Subjekt der Erkenntnis werden und eine kontemplative Haltung zum Weltgeschehen einnehmen. Eine besondere Rolle spielt dabei die Kunst. Denn Kunst, das Werk des Genies, ist die Betrachtung der Dinge, ist unabhängig von Kausalität, ist unabhängig vom Willen. Erst wenn ich nichts mehr will, absichtslos existiere, kommt auch dieser Wille in mir zur Ruhe.