Archiv für den Tag: 23. Mai 2020

Sophistereien 23.05.20

Der Sophist bemerkt eine sich beinahe viral verbreitende Begeisterung der Angestelltenklasse über das Homeoffice. Endlich nicht mehr täglich ins Büro, endlich nicht mehr ausgesetzt den Launen der Kollegenschaft, des Chefs. Kein Bürotratsch, kein Mobbing, kein metoo mehr. Herrliche Zeiten: Gemütlich sitzt man stattdessen im Pyjama zuhause am Schreibtisch und arbeitet. Mehr Freiheit, weniger Kontrolle, so lautet das Versprechen. Und nicht zuletzt ist es auch gut für die Umwelt, wenn man nicht mehr täglich zur Arbeit fahren muss.  Eine verführerische Idee, besonders für die Unternehmen, sparen sie doch viel Geld, müssen sie nicht mehr für jeden Mitarbeiter oder für jede Arbeit einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen. Wozu braucht man überhaupt noch Gebäude, in denen das Unternehmen diese Arbeitsplätze zur Verfügung stellt? Ein Briefkasten dürfte zukünftig reichen. Das böse Wort „Briefkastenfirma“ erhält eine völlig neue, positive Bedeutung. Bewirbt sich demnach jemand um eine Stelle, dann wird es nicht mehr nur darauf ankommen, ob der potenzielle neue Mitarbeiter qualifiziert ist für den Job, sondern auch, ob er ein Büro mit entsprechender Ausstattung mitbringt. Schreibtisch, Computer, Videokamera für virtuelle Meetings usw. Das Wichtigste aber: Bringt er auch eine hohe Flexibilität mit? Ist er bereit, abends und am Wochenende zu arbeiten? Ist der Arbeitsplatz erst einmal zu Hause, dann gibt es auch keinen Feierabend. Dann ist immer irgendwie Arbeitszeit. Ein Traum wird wahr. Die Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit wird aufgehoben, sowie auch, alte Forderung der Linken, das Private öffentlich sein soll. Offenbart sich also die schöne neue Arbeitswelt am Ende als Hölle?