Kurzgeschichte

Hier eine spannende Kurzgeschichte aus der Berliner U-Bahn.  Zurzeit arbeite ich an einem Roman, der ebenfalls in der Berliner U-Bahn spielt. Viel Vergnügen beim Lesen.

                                                        Kontrollverlust -

von Hans Schwarzlow

 

Nicht einmal im Traum hätte es sich Mandy Winter vorstellen können, jemals als Fahrscheinkontrolleurin bei der Berliner U-Bahn zu arbeiten. Dreimal war die notorische Schwarzfahrerin schon in den ersten Wochen des neuen Jahres ohne Fahrschein erwischt worden. Und letzten Freitag erst wurde sie deshalb vom Amtsgericht Marzahn zu einem Bußgeld in Höhe von 150 Euro verurteilt: „Das ist das letzte Mal, dass ich Sie hier sehen will“, hatte sie der Richter am Ende der Verhandlung eindringlich ermahnt: „Sonst geht´s ab in den Knast!“

„Beste Voraussetzungen für den Job“, behauptete hingegen heute Morgen ihr Fallmanager, Herr Schmitz vom  Jobcenter Marzahn-Hellersdorf, während er ihr mit einem süffisanten Lächeln ein Stellenangebot der Security Service GmbH unter die Nase hielt. Das Unternehmen suchte im Auftrag der BVG für den Bereich U-Bahn motivierte Mitarbeiter/innen zur Kundengewinnung, was nichts anderes bedeutete, als in der Unterwelt erfolgreich Jagd auf Schwarzfahrer zu machen und diesen 60 Euro erhöhtes Beförderungsentgelt abzuknöpfen. Mandy war nicht gerade  begeistert. Doch zum einen brauchte sie dringend Geld, allein schon um die 150 Euro Straffe berappen zu können. Zum anderen ließ auch Schmitz nicht locker und drohte sogar mit Leistungskürzungen im Falle, dass sie eine zumutbare Arbeit ablehnen würde. Zähneknirschend willigte Mandy ein. Immerhin war Fahrkartenkontrolleurin ein Job mit Perspektive: „Schwarz gefahren wird schließlich immer!“

Über zwei Jahre, nachdem Mandy ihre Ausbildung zur Tierpflegerin im Tierpark-Berlin abgeschlossen hatte, war sie nun schon arbeitslos. Tierpfleger, hatte Schmitz anhand seiner Statistiken festgestellt, seien nur schwer vermittelbar: „Null Chance auf Integration. Altenpfleger, Altenpfleger brauchen wir – Sie wissen schon: Der demographische Faktor!“  Mandy wusste nicht. Mandy wusste nur, dass es so nicht weiter gehen konnte. Mit 21 lebte sie noch immer bei ihrer herzkranken Mutter, Gaby und ihrem versoffenen Stiefvater, Manfred in einer Marzahner Plattenbauwohnung und musste sich ein Zimmer mit ihrem neunjährigen Halbbruder, Kevin teilen: „Es gibt eben Menschen, deren Leben von Anfang an im Arsch ist!“ Dieser Satz, irgendein Penner vom Cottbusser Platz hatte ihn ihr einmal als eine Art Lebensweisheit ins Ohr geflüstert, war inzwischen zu Mandys Maxime geworden und diente ihr auch als einleuchtende Erklärung für ihr beschissenes Leben. Sie ließ sich gehen, lebte nur noch sinnfrei in den Tag hinein, lümmelte am liebsten den ganzen Tag auf dem Plüschsofa im Wohnzimmer vor dem Fernseher und stopfte sich Unmengen an Chips, Cola und Schokolade in den Schlund. Einst war das Fräulein Winter rank und schlank, sah gar nicht mal so verkehrt aus, wie ihre Kollegen im Tierpark anerkennend unkten. Doch letzte Weihnachten hatte sie die 100 Kilo Marke locker gerissen und ähnelte von der Figur her Joe, dem alten Dickhäuter, den sie zuletzt betreut hatte. „Wie soll ich Sie so bloß vermitteln, hatte Schmitz gleich bei ihrem ersten Termin im neuen Jahr geklagt. Und dieses „so“ hatte sich für Mandy angefühlt wie ein Peitschenhiebe auf nackter Haut: „So“- so eine wie die – fette Schnecke!

„Auf Äußerlichkeiten legen wir keinen Wert – bei uns zählt allein die Leistung, Frau Winter, ich darf doch Mandy sagen?“ Zibulski, Personalchef bei der Security Service GmbH, fletschte seine Zähne und schob seiner neuen Mitarbeiterin den Arbeitsvertrag unter die Nase. Befristet zunächst für ein halbes Jahr. „Dann sehen wir weiter – und, ach ja: In Jogginghosen sollten Sie nicht unseren Kunden gegenübertreten. Wir erwarten, dass man uns respektiert!“

Bevor Mandy jedoch auf die Schwarzfahrer losgelassen wurde, musste sie zuvor  eine einwöchige Schulung im Kompetenzzentrum der Security Service GmbH am Alexanderplatz einschließlich abschließender Prüfung absolvieren. Dabei sollte sie alles lernen, was man über diejenigen Kunden, die versuchten, sich die Beförderungsleistung zu erschleichen, wissen musste;  ihre mentale Einstellung, woran man sie erkennen kann, mit welchen Argumenten sie sich, im Falle, dass man sie erwischt, versuchen herauszureden. Mandy war die einzige Frau im Kurs: „Ein Experiment“, wie ihr der Schulungsleiter, Herr Kröger, versicherte: „Wir glauben, dass gerade Frauen in solchen Konfliktsituationen deeskalierend wirken können!“ Mandy wusste zwar nicht, was „deeskalierend“ bedeutet, nahm es aber erst einmal als Kompliment.

Ihre männlichen Kollegen hatten überwiegend einen Migrationshintergrund und waren ähnlich wie Mandy auch schon das ein oder andere Mal als Schwarzfahrer auffällig geworden. „Ihr habt die meiste Erfahrung, kennt alle Tricks, deshalb wollen wir genau euch für diesen Job“, tönte Kröger jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn. Ihm lag sehr daran, die Truppe zu motivieren, sie richtig heiß zu machen – wie Bluthunde. Mit Achmed, dessen Familie vor zwei Generationen als Gastarbeiter aus Anatolien eingewandert war, freundete sich Mandy gleich ein wenig an. Täglich aßen sie zusammen in der Mittagspause einen Döner. Achmed sah wirklich blendend aus, fand Mandy. Seine pechschwarzen Haare, die braunen Augen, der durch tägliches Krafttraining gestählte Mc-Fit- Körper. Mandy ertappte sich öfter abends im Bett bei der Vorstellung, wie sich Achmeds Sixpack-Body auf ihrer Wampe wälzte. Doch dann dachte sie auch an ihre Mutter, die ihr immer wieder eingeschärft hatte: „Komm mir bloß nicht mit einen Kanaken  nachhause!“ Und überhaupt: Eine völlig fremde Kultur mit völlig beknackten Ansichten über Frauen: Unverblümt hatte Achmed ihr zu verstehen gegeben, dass er es eigentlich nicht gut fände, wenn Frauen arbeiten. „Zuhause bei den Kindern muss die Frau sein!“ Und dann gab er ihr zu allem Überfluss auch noch gute Tipps, wie sie von ihren Pfunden herunterkommen könne. „Mandy, musst Sport machen viel und wenig Döner essen!“ Mandy aber liebte Döner und hasste Sport. Mit Achmed würde es also sowieso nichts werden; was soll´s: Irgendwann, redete sie sich ein, wird der Richtige schon noch kommen. „Auf jeden Topf passt ein Deckel“, meinte auch Gaby.

Anfang Februar war es dann endlich soweit: Mandy verrichtete  ihre ersten Dienste auf der U 7.  Zusammen mit Achmed und Heinz, ein glatzköpfiger Rentner, der sich mit Hilfe der Schwarzfahrer seine Rente ein wenig aufbessern wollte, pendelte sie hin und her zwischen Hermannplatz und Grenzallee und kontrollierte fleißig Fahrscheine. Ein richtiger Stressjob: Zwischen zwei Stationen musste ein kompletter Waggon durchforstet werden.  „Unsere Mitarbeiter arbeiten äußerst effektiv!“ Die Kontrolleure bekamen deshalb nur ein Grundgehalt in Höhe von rund 1000 Euro brutto bei einer 30-Stundenwoche. Einen beträchtlichen Teil des Gehalts machte vielmehr die sogenannte Fangprämie aus, im Fachjargon Motivationszulage genannt – 5 Euro pro erwischten Schwarzfahrer: „Mindestens zehn Scheine musst Du am Tag machen!“, verriet Achmed, „damit Du auf Kohle kommst.“ Mandy aber brachte es schon in den ersten Wochen auf durchschnittlich 12. Und im März hatte sie im gesamten Monat 297 Scheine gemacht, was ihr allein einen Bonus von 1485 Euro einbrachte. Achmed und Heinz staunten nicht schlecht: „Mensch, wie macht die Kleene det bloß?“ Mandy hatte so etwas wie den 6. Sinn für Schwarzfahrer. Betrat sie ein U-Bahnabteil, sagt sie zunächst ihr Sprüchlein auf: „schönen guten Tag, Fahrscheinkontrolle!“ Dann blickte sie sich um und beobachtete das Verhalten der Fahrgäste. Der gewöhnliche Schwarzfahrer war für sie untrüglich daran zu erkennen, dass sein Gesicht erbleichte und er panisch seinen Blick auf Fluchtmöglichkeiten hin ausrichtete – so wie es bei ihr selbst, in ihrem alten Leben gewesen war. Zielsicher gelang es Mandy so, die potenziell schwarzen Schafe aus der Herde herauszupicken. Ihre Trefferquote war enorm für eine Anfängerin. Sie war hart in der Sache und freundlich im Ton. Mit einem Lächeln auf den Lippen säuselte sie den Fahrscheinlosen den Passus der  Beförderungsbedingungen vor, in denen das erhöhte Beförderungsentgelt von 60 Euro festgeschrieben war. Auf Widerstand stieß sie selten. Bereitwillig ließen sich die meisten der Ertappten die Zahlungsaufforderung aushändigen. Manche zahlten die 60 Euro sogar gleich bar: „Frau Winter, Sie sind unser bestes Pferd im Stall“, lobte Zibulski sie nahezu überschwänglich und klopfte ihr dabei anerkennend auf die Schulter.

Zum ersten Mal in ihrem Leben war Mandy Winter glücklich. Sie hatte einen Job, in dem sie erfolgreich war, in dem sie Geld verdiente, der sie erfüllte. Auch ein paar Kilo abgespeckt hatte sie inzwischen. Das tägliche, schweißtreibende Hin und Her zwischen den U-Bahnzügen ließ ihre Pfunde purzeln. „Jetzt brauchste bloß noch nen anständigen Kerl“, stellte ihre Mutter fest: „Kannste doch nich ewig unjeküsst ins Bett jehen!“ Das mit den Männern allerdings, ahnte Mandy, würde natürlich nicht so leicht werden. In einer Welt voll spindeldürrer Bohnenstangen, die den lieben langen Tag Salat essen, Wasser trinken und abends ins Fitnessstudio rennen, war für ein Pummelchen wie sie kein Platz. Obwohl Mandy inzwischen über 10 Kilo abgespeckt hatte, brachte sie  immer noch stolze 89 auf die Waage – und das  bei 1,60 Meter Größe. „Guckst aus wie Weinfass, rollt durch Waggon“, machte sich Achmed lustig. Selbst ihre Mutter, nie um  einen guten Rat verlegen, machte düstere Prognosen hinsichtlich ihres Liebeslebens: „Mit so ner Plautze wird das nix mit den Kerlen!“

Doch dann kam Mandy eine Idee: Wenn eine Frau, glaubte sie, von ihrem Äußeren her  nicht dem gewöhnlichen Geschmack entspricht, muss sie eben andere Mittel einsetzen, um die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zu lenken. Und was könnte diesem Zweck dienlicher sein, als für einen Mann in einer schwierigen und peinlichen Situation den rettenden Engel zu spielen. Mandys Erfahrung nach waren Rund 80% aller Schwarzfahrer Männer, darunter einige, die ganz passabel aussahen. Kurzentschlossen kaufte sich die Kontrolleurin ein paar Kurzstreckentickets, die sie zu Dienstbeginn griffbereit in ihrer Jackentasche verstaute. Erwischte sie nun einen Schwarzfahrer, der ihr gefiel, ließ sie ihn wie alle anderen zunächst ein wenig zappeln, drohte mit erhöhtem Beförderungsentgelt und einer Anzeige wegen Betrugs. Dann aber lächelte sie den Sünder plötzlich an wie ein Honigkuchenpferd, zückte heimlich das „Kurzstreckenticket“ und steckte es dem mittlerweile Schweißgebadeten  heimlich zu. „Damit kannste noch zwei Stationen fahren!“ Auf der Rückseite des Fahrscheins hatte das Fräulein Winter ihre Handynummer notiert. Somit, hoffte sie, hätte der noch einmal Davongekommene die Möglichkeit, sich persönlich bei ihr zu bedanken und sie vielleicht einzuladen auf einen Kaffee oder mehr. Eine alles in allem günstige Form der Partnersuche, preisweiter als „Parship“, trotzdem nicht billig, wie Mandy fand. 11 Kurzstreckentickets hatte sie den April über schon an potenzielle Kandidaten verteilt. Zwar bedankten sich alle artig, einige fielen  ihr sogar spontan um den Hals, doch Mandys Telefon blieb danach stumm, nicht mal eine SMS mit einem Smiley bekam sie geschickt. Als sie ihre Strategie beinahe schon wieder aufgeben wollte, erspähte sie an einem milden Frühlingsmorgen im Mai Max, wie der in der Mitte des Wagens, den straffen Körper elegant um eine Haltestange gewickelt, gedankenversunken in einem Buch las. Mandy zögerte zunächst ihn anzusprechen: Unwahrscheinlich, dass so ein gestriegelter und gebügelter Typ in Anzug und Krawatte keinen Fahrschein hat. Doch dann fasste sie doch Mut, setzte ihr schönstes Lächeln auf und trat an das Objekt ihrer Begierde heran: „Guten Morgen, Fahrscheinkontrolle!“ Max blickte sie mit seinen blauen Augen entgeistert an, so als wäre allein schon die Frage eine Frechheit.  Mandy blieb beharrlich und wiederholte ihr Sprüchlein. Max begann nervös in seinen Taschen zu kramen. Mandy schöpfte Hoffnung. Achmed, am anderen Ende des Wagons, warf ihr schon misstrauische Blicke zu. „Es tut mir leid“, stammelte Max, nachdem er sämtliche Jackentaschen und auch seine Umhängetasche durchwühlt hatte, „aber ich glaube, ich habe vergessen, einen zu lösen. Ich fahre zu selten mit der U-Bahn!“ „Okay, okay“, sagte Mandy, „heute ist ihr Glückstag“, und ihr Lächeln verbreiterte sich in Richtung Unendlichkeit. Und Max erst: Nachdem ihm Mandy das Kurzstreckenticket zugesteckt hatte, schien er vollkommen überwältigt zu sein, wendete das Stück Papier einige Male hin und her, so als zweifelte er an dessen Echtheit. „Sie sind ein richtiger Engel“, säuselte Max. Dann strahlte auch er übers ganze Gesicht, und Mandy spürte, wie er Herz anfing zu rasen. Und als er ihr versprach, dass er sich sicher melden würde, „solch ein Ereignis muss doch gefeiert werden“, keimte in ihr die Hoffnung, dass ihr Leben von nun an ein anderes werden würde.

Doch als sie am nächsten Tag zur Arbeit kam, stürmte Achmed aufgeregt auf sie zu: „Du musst sofort zu Chef kommen!“ Dabei leuchteten seine dunklen Augen und ein diebisches Lächeln verzierte sein Gesicht. Nichts Böses ahnend machte sich Mandy auf den Weg in die Zentrale der Security Service am Alexanderplatz. Doch als sie Zibulskis Büro im 8. Stock betrat, beschlich sie ein mulmiges Gefühl. Zibulski kauerte mit Grabesgesicht hinter seinem Schreibtisch. Er stand nicht einmal auf, um sie zu begrüßen, sondern deutete lediglich mit seinem langen Zeigefinger auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Mindestens eine Minute, Mandy kam es wie eine Ewigkeit vor, starrte Zibulski sie schweigend an. Dann platzte es aus ihm heraus: „Frau Winter, ich muss schon sagen, ich bin schwer enttäuscht von Ihnen. Gerade von Ihnen hätte ich so was nicht erwartet!“ Mandy fuhr der Schrecken in die Glieder. Was, fragte sie sich, hatte sie bloß angestellt, dass Zibulski so seltsam drauf war? War sie nicht eine der besten Kontrolleure in der U-Bahn. Ging ihre Erfolgskurve nicht stetig nach oben? „Ich verstehe nicht ganz“, piepste Mandy und wischte sich mit einem Tempo den Schweiß von der Stirn. „Sie verstehen also nicht!“ Zibulskis Stimme schrillte in die Höhe: „Eine Betrügerin sind Sie. Haben mich und ihre Kollegen schamlos hintergangen!“ Mandy schnappte nach Luft: „Schwarzfahrer einfach laufen zu lassen, ihnen auch noch einen Fahrschein hinterherzuschmeißen. So etwas ist mir noch nie vorgekommen!“ Das war es also: Mandy sackte auf ihrem Stuhl zusammen. Irgendjemand musste sie beobachtet und dann verraten haben. Vielleicht dieser Kanake. Der war doch sowieso eifersüchtig auf ihren Erfolg, schoss es ihr durch den Kopf. „Wer hat mich angeschissen? Dieser Achmed oder dieser andere, diese widerliche Glatze?“

„Sagen wir so: wir haben Hinweise bekommen und dann jemanden zur Kontrolle geschickt!“

„Max, etwa dieser Max?“

„Max ist nicht sein richtiger Name! Er ist ein Testschwarzfahrer, so wie es auch Testkunden im Supermarkt gibt, um das korrekte Verhalten der Kassiererinnen zu überprüfen.“ Ein ironisches Grinsen flog über Zibulskis Gesicht: „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser!“

Mandy brach in Tränen aus. Einen Moment wusste sie nicht mal, worüber sie mehr weinen sollte, darüber, dass man sie erwischt hatte oder darüber, dass Max ein Betrüger war. „Sie werden verstehen, Mandy“, sagte Zibulski und seine Stimme war jetzt wieder ruhig und sachlich, „dass wir uns unter diesen Umständen trennen müssen.“ Dann zog er ein Papier aus seinem Drucker und knallte es vor Mandy auf den Tisch: „Sie müssen noch unterschreiben!“ Mandy kritzelte wie in Trance ihren Namen unter die fristlose Kündigung. Anschließend stand sie auf und wankte grußlos zur Tür hinaus. Es macht doch alles keinen Sinn mehr, dachte Mandy, während sie kurze Zeit später auf dem Bahnsteig der U 5 im U-Bahnhof Alexanderplatz ihren Körper Zentimeter für Zentimeter in Richtung Bahnsteigkante schob. Schon von fern war das Grummeln des herannahenden Zuges zu hören. Es wäre so leicht, nur ein kleiner Schritt, und sie könnte diese finstere Welt für immer verlassen. Der Wind blies ihr ins Gesicht und wirbelte ihre langen blonden Haare durcheinander. Schon blitzten am Tunnelmund die Scheinwerfer des einfahrenden Zuges auf. Mandy spannte ihren Körper an, machte noch einen letzten Schritt nach vorn. Dann packten sie plötzlich zwei starke Arme von hinten an den Schultern und rissen sie unsanft zurück ins fast schon verlorene Leben. Erschrocken drehte sich Mandy um und erkannte Achmed, ihren ehemaligen Kollegen: „Achmed, Achmed, was machst Du denn hier“, stammelte sie entgeistert und versuchte sich Stück für Stück aus Achmeds Klammergriff zu befreien, währenddessen der Zug hinterrücks an ihr vorbei donnerte.

„Kannst Du nicht einfach springen vor Zug – wird geben große Fettfleck!“